Unsere Absolvent*innen


Sarah Maier

„Die EHD hat mein Menschenbild geprägt“

Zwei Jahre lang reiste Sarah Maier durch die Welt - auf der Suche nach einer beruflichen Bestimmung und Zukunft, die zu ihr passen würde. In Schottland wurde sie fündig. In Aberdeen verbrachte die Abiturientin damals ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Art Internat für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. „Die Arbeit dort hat mir so gut gefallen, dass ich beschloss, Heilpädagogik oder Soziale Arbeit zu studieren“, erinnert sie sich. Ein Wunsch, der sie 2003 nach Darmstadt an die EHD führte, die damals als eine der wenigen Hochschulen den Studiengang „Inclusive Education / Heilpädagogik“ anbot.

Maier stammt aus dem Stuttgarter Raum. Darmstadt war eine völlig unbekannte Stadt für die junge Frau, „doch ich habe die Wahl nie bereut und bin sehr froh darum. Das Studium an der EHD hat mir viel mitgegeben für meinen späteren beruflichen Alltag“, betont sie. Gefallen hat ihr vor allem, dass die Hochschule überschaubar war. Maier gehörte zum zweiten Jahrgang, der Inclusive Education studierte. „Wir waren nur 40 Studierende. Jeder kannte jeden und man hatte zu Allen Kontakt.“ Auch die Betreuung durch ihre Professor:innen war sehr gut und intensiv. „Die EHD war die richtige Entscheidung, weshalb ich auch gleich ein Masterstudium dort angehangen habe“, berichtet die 41-Jährige.

Neun Jahre arbeitete Sarah Maier anschließend im Saarland für den Verein „Miteinander Leben Lernen“, der sich für die Förderung gemeinsamen Lebens und Lernens behinderter und nicht behinderter Menschen einsetzt. Sie kümmerte sich dabei um den Einsatz von Schulassistent:innen, die Kinder und Jugendliche während des Unterrichts in einer Regelschule begleiten und ihnen so die uneingeschränkte Teilnahme am Unterricht ermöglichen. Nach fast einem Jahrzehnt in Saarbrücken, suchte sie jedoch nach neuen Herausforderungen.

Dass sie mal die pädagogische Leitung an einem Hochschul-Zentrum übernehmen würde, war dabei keineswegs ausgemacht. Seit November 2020 ist Sarah Maier die pädagogische Leiterin des „Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung“, das der Pädagogischen Hochschule Heidelberg angehört. Eine Arbeit, die sie als fordernd und herausfordernd beschreibt, die ihr sehr viel Spaß mache, erzählt sie. Engagiert war Maier bereits in dem Vorläufer-Projekt, das zur Gründung des Zentrums führte. Bei dem Projekt „Inklusive Bildung Baden-Württemberg" qualifizierte sie drei Jahre lang Menschen, die als kognitiv beeinträchtigt gelten, zu Bildungsfachkräften. Sechs Männer und Frauen bildete das Projekt so für eine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt aus. Die Bildungsfachkräfte sind heute am Annelie-Wellensiek-Zentrum beschäftigt, wo sie ihr Wissen an die Lehrkräfte und Studierenden weitergeben können und von ihren Inklusions-, aber und Exklusionserfahrungen berichten. Eine schöne Verknüpfung von Theorie und Praxis, sagt Maier.

Für sie ist es spannend zu sehen, „wie sich Menschen entwickeln, was Zutrauen und das richtige, auf sie zugeschnittene Bildungsangebot bewirken können“, betont die EHD-Alumna. Statt in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiteten die Expert:innen in eigener Sache nun in einer Festanstellung, wo ihre Erfahrungen gehört und ernst genommen werden und sie auch angemessen bezahlt werden. „Das hat ihnen unheimlich viel Selbstvertrauen gegeben“, freut sie sich.

Es sei wichtig, an die Menschen zu glauben und ihnen das auch mitzugeben. Eine solche Sichtweise und Herangehensweise hat Sarah Maier schon während des Studiums an der Evangelischen Hochschule erfahren. „Wir haben uns bereits im ersten Semester mit ethischen Fragestellungen beschäftigt. Das hat mein Menschenbild geprägt“, unterstreicht sie. „Wir haben unheimlich viel diskutiert, nachgedacht und uns auch mit uns selbst auseinandergesetzt. Es war eine spannende, sehr intensive Zeit“, beschreibt sie ihr Studium in Darmstadt. (alu)


Uwe Horschleb

„Ich brenne für das, was ich tue“

Wenn Uwe Herschleb gefragt wird, ob er Spaß an seinem Beruf hat, muss er nicht lange überlegen. Oft sei der Alltag stressig und manchmal komme er auch an seine Grenzen, „aber ich habe viel Freude an meiner Arbeit. Ich brenne für das, was ich tue“, sagt er. Der gebürtige Bautzener arbeitet seit 2018 in Hamburg bei der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Der 38-Jährige begleitet Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen, ist in der Beratung, Krisenintervention und Fortbildung tätig. Sich für die Betroffenen einzusetzen, gemeinsam einen Weg zu suchen, Entwicklungschancen zu fördern und Krisen zu bewältigen, das reizt ihn an seiner Arbeit. „Es ist schön zu sehen, dass ich unterstützen kann.“

Die Menschen aus ihrer Einsamkeit und Isolation zu holen, ist eine Herausforderung, der sich Uwe Herschleb in seinem zweiten Arbeitsfeld stellt. Mehrere Stunden in der Woche arbeitet er auch für die „Schatzkiste“, die dem Beratungszentrum Alsterdorf ebenfalls angegliedert ist. Eine Partnerschaftsvermittlung für Menschen mit Behinderung, die er vom Singletreff zu einem offenen Treff gewandelt hat, wo sich Interessierte treffen, schwatzen, kennenlernen und gemeinsam etwas unternehmen können. „Netzwerktreffen“ nennt der EHD-Alumnus das. „Es geht nicht nur um Partnerschaften, sondern um Freundschaften.“ Einsamkeit ist ein großes Thema, erst recht seit Corona. Die Pandemie sei für viele seiner Klienten*innen „Isolation pur“, der Gesprächsbedarf riesig. Regelmäßige Treffen und Freundschaften bedeuteten daher immer auch, „neue Möglichkeiten im Leben zu erhalten“, betont er.

Der Vater zweier Kinder schätzt die große Bandbreite seiner Arbeit. Auf die fühlt er sich durch sein Studium an der Evangelischen Hochschule gut vorbereitet. Von 2010 bis 2015 hat er seinen Bachelor und Master in Heilpädagogik gemacht. Weil er Ende 20 war, als er sein Studium begann, habe er einen ganz anderen Blickwinkel gehabt. „Ich habe sehr viel diskutiert und mich ausprobiert.“ Als Heilerziehungspfleger hatte Uwe Herschleb zuvor schon viele Jahre mit schwerstbehinderten Menschen gearbeitet. Er bildete sich autodidaktisch weiter, doch das reichte ihm irgendwann nicht mehr. „Ich wollte eine akademische Ausbildung.“ Er holte das Abitur nach und suchte nach einem Studienplatz. An der EHD reizte ihn vor allem der Praxisbezug und das verpflichtende Auslandssemester. Das machte er später in Irland an einer Regelschule, die auch Kinder bildungsferner Schichten besuchten. Während seines Aufenthaltes arbeitete er mit ihnen an inklusiven Projekten. Das Studium, sagt der Alumnus, habe seine Erwartungen erfüllt. „Ich habe an der Evangelische Hochschule viel fachliches Handwerkszeug mit auf den Weg bekommen.“

(Text: Astrid Ludwig)

Uwe Herschleb hat Heilpädagogik/Inclusive Education an der Evangelischen Hochschule Darmstadt studiert. Heute arbeitet der 38-Jährige in Hamburg bei der Evangelischen Stiftung Alsterdorf im Fachdienst Intensivpädagogik und in der Partnerschaftsvermittlung für behinderte Menschen. Foto: privat

Franziska Leidreiter

Eine Frage der Haltung

Menschen müssen nicht in ein System passen – das System muss für sie passend gemacht werden. Ein Ansatz, der Franziska Leidreiter schon in ihrem Bachelorstudium „Integrative Heilpädagogik“ an der EHD überzeugt hat. Als eine der ersten Teilhabelotsinnen in Deutschland wendet sie dieses Prinzip heute bei ihrer Arbeit für die Alsterdorf Assistenz Ost in Hamburg an.

Franziska Leidreiter arbeitete bereits mehrere Jahre als Erzieherin in der Kinder- und Jugendarbeit, als sie eine Erfahrung machte, die zu einer Art Schlüsselerlebnis wurde. Es war die Begegnung mit einem traumatisierten Kind, das aufgrund familiärer Umstände gegen sich und andere aggressiv agierte und deshalb nirgendwo lange bleiben durfte. Mehrfach flog der Junge aus Horteinrichtungen und Schulen, bis er schließlich mit gerade einmal acht Jahren als „nicht beschulbar“ galt. „Er passte in kein System. Aber was sagt das über uns als Gesellschaft aus“, gibt Franziska Leidreiter zu bedenken. „Jeder hat Ressourcen und Potenziale, die für die Entwicklung eines Hilfesettings wichtig sind“, sagt sie. Menschen in eine Schublade, eine Box zu pressen, widerstrebt ihr.

Nach dieser Erfahrung reichte ihr der Erzieherinnenberuf nicht mehr. „Ich wollte wissenschaftlichen Input und genau das fand ich in Darmstadt“, berichtet die heute 33-Jährige. Im Bachelorstudiengang „Integrative Heilpädagogik“ stieß die gebürtige Hamburgerin auf pädagogische Ansätze, nach denen sie in ihrer bisherigen Arbeit gesucht hatte. „Wir müssen das System, wir müssen unsere Haltung verändern“, fasst sie diese zusammen. Eine Sichtweise auf den Menschen als selbststimmendes Wesen, die ihr die Lehrenden des Studiengangs Integrative Heilpädagogik vermittelten. „Eine Haltung, die sehr prägend war für meine spätere Arbeit“, erzählt Franziska Leidreiter. „Was wollen Sie“, diese Frage stellt sie daher Anfragenden, die heute zu ihr kommen, als erstes. Menschen mit Beeinträchti-gungen und einem komplexen Hilfebedarf kommunizieren ihre Wünsche durchaus, teils auch nonverbal. „Sie zeigen uns sehr deutlich, was für sie wichtig ist. Das habe ich in meinem Studium an der Evangelischen Hochschule gelernt“, betont sie.

Das Bachelorstudium war für Franziska Leidreiter die Grundlage für vielfältige Kontakte und vor allem auch für „Blicke über den Tellerrand“. Ihren mehrmonatigen Praxisaufenthalt im Ausland – im 5. Semester Pflicht - absolvierte die EHD-Alumna beispielsweise im australischen Melbourne an einer Montessori Schule, einer Bildungseinrichtung, die der ihr im Studium vermittelten Haltung entsprach, dass „jeder Mensch kompetent ist“. Für ihre Bachelorarbeit und verschiedene Praktika sammelte die Hamburgerin Erfahrungen in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf und der Alsterdorf Assistenz Ost – ihrer heutigen Arbeitgeberin. „Ich war bereits gut vernetzt“, sagt die junge Frau, die sich nach ihrem Bachelorabschluss in Darmstadt an die Frankfurter University of Applied Sciences einschrieb, um dort einen Master in „Barrierefreie Systeme / Case Management“ zu machen. „Ich wollte nochmals eine andere Hochschule kennenlernen, einen anderen Input erhalten“, begründet sie den Wechsel.

Dass sie nach dem Studium nach Norddeutschland zurückkehren wollte, stand für die Hamburgerin fest. Umso glücklicher war sie, als sie 2019 eine Stelle als Teilhabelotsin bei der Alsterdorf Assistenz Ost antreten konnte. „Die Arbeit ist wie auf mein Studium zugeschnitten“, freut sich Leidreiter. Zumal die Aufgabe als Teilhabelotsin neu ist in Deutschland. „Ich kann sie mitentwickeln“, so die EHD-Alumna. Festangestellt ist die 33-Jährige bei der Alsterdorf Assistenz Ost, doch gemeinsam mit den Anfragenden entwickelt sie trägerübergreifende Lösungen. Dahinter steht das Konzept des sozialraumorientierten Denkens und Handelns.

Bei ihrer Beratungsarbeit geht es um Wohnen mit Assistenz. Was die Betroffenen wollen, steht für Franziska Leidreiter im Vordergrund. Wie möchten sie leben und wo? Eine oftmals ungewohnte Herangehensweise. „Für die meisten ist es neu, dass sie Möglichkeiten haben und auch Forderungen stellen können.“ Leidreiter ermuntert sie dazu, ihren Willen mitzuteilen, selbst aktiv zu sein. Das System soll eben für sie passen und nicht umgekehrt.

(Text: Astrid Ludwig)

Im Bachelorstudiengang „Integrative Heilpädagogik“ fand Franziska Leidreiter die pädagogischen Ansätze, nach denen sie in ihrer Arbeit gesucht hatte. Foto: privat